Kind, Lerngeschichten

Von der Geschichte, das Lernen lieben zu lernen. (Oder: Das Haus der Gefühle.)

Das Haus der Gefühle von der Geschichte das Lernen zu lieben. Von Hallo liebe Wolke

Hallo liebe Wolke,
wusstest du, dass das Gefühl, stolz zu sein, angeboren ist?
Das muss man gar nicht erst lernen, und anerziehen kann man es auch nicht.
Freude und Wut, Furcht, und eben auch Stolz, liegen damit ganz schön dicht beisammen, in einem drin – da nämlich, wo die Emotionen wohnen.
Jeder hat für sich sein ganz eigenes, persönliches Emotionshäuschen mit mehreren Etagen.
Manchmal bekommt Familie Freude Zuwachs, die in einer schicken Etagenwohnung mit Meerblick und bunten Wänden lebt. Ab und zu vergrößert sich die Sippe der Angst, die durch dick verglaste Bullaugen aus ihrem beengten Unterschlupf nach draußen linst und die Wut-Mischpoke haust in einem verlotterten Anbau mit zerbrochenen Fenstern und allerlei Chaos. Der Clan des Stolzes, im Übrigen, der findet sich meist mit hoch erhobenem Kopf auf der großen Dachterrasse ein, um miteinander anzustoßen.

Und dann, ja dann gibt es noch die Angehörigen der Liebe, die gar nicht auf der rosa Wolke umhertänzeln, sie bewohnen das große, sonnendurchflutete Loft im obersten Stockwerk. Wenn man ganz viel Glück hat, dann ist die Liebe so etwas wie der Hausmeister, der auf den Rest der Bagage ein wenig aufpasst, mal hier die Wut besänftigt, mal dort die Angst nimmt, und er ist außerdem eng mit der Freude und mit dem Stolz befreundet.

Muss man lernen.

Die Liebe muss man nicht lernen.
Stolz zu sein auch nicht. Das hat man einfach so drin. In seinem Haus.
Jeder, der ein Kleinkind in der Trotzphase kennenlernen durfte, weiß, dass Wut in dieser Form nicht anerzogen ist.
Man bekommt ein ganz schön großes Häuschen voller Empfindungen in die Wiege gelegt, direkt neben das Lieblingskuscheltier, ohne das man für die nächsten Jahre nicht einschlafen werden kann. Aber: Einzig und allein mit seinen Gefühlen kommt man leider nicht sehr weit im Leben, Brötchen lassen sich damit nicht unmittelbar verdienen und schlauer wird man auch nicht unbedingt.

In meinem Fall werde ich aus der Liebe (und Mathematik, Physik, Barrenturnen) wahrscheinlich nie schlau werden, was vielleicht auch gar nicht notwendig ist, aber das Lernen, das gehört zum (schlauen) Leben dazu. Und das ist gut so.
Weniger gut ist allerdings, dass das Lernen, so wie ich es aus meiner Schulzeit kenne, häufig nicht im sonnendurchfluteten Loft oder auf der Dachterrasse eingeladen ist, sondern manchmal sogar um das Wutchaos schleicht oder sich gleich hinter das Bullauge der Angst verkrümelt.

Müssen, müssen, müssen.

„Ich muss noch für Mathe lernen!“
Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz in meinem Leben gesagt habe – und immer, wenn ich ihn bloß dachte, nahm direkt dieses merkwürdige Gefühl in meinem Bauch Platz, das ich nicht leiden konnte. Warum sollte ich denn Mathe lernen müssen, wenn ich nicht wusste, was mir dieser ganze Quatsch bringt?
Ich verstand das nicht, meine Freude verstand das nicht.
Da postierte sich mehrmals die Woche ein Lehrer in unser Klassenzimmer, der mich immer ein bisschen an Nosferatu erinnerte, und der mit quietschender Kreide lustlos Zahlen und Symbole in die Tafel ritzte, die für mich einfach keinen Sinn ergaben. Böhmische Dörfer, die ich für den Rest meines Lebens nie wieder besuchen wollte. Nahm ich mir vor.
Vermutlich liebte auch Herr Nosferatu nicht sonderlich das, was er da tat. Allerdings bereitete es ihm anscheinend Freude, die Unwissenden (vorzugsweise mich) an die Tafel zu diktieren, die mit hochgezogenen Schultern genauso gut ein Strichmännchen neben das Gleichheitszeichen hätten malen können – statt die falsche Antwort. Herr Nosferatu quittierte meine Unfähigkeit jedes Mal mit diesem grunzenden Blick, der sagte: „War ja klar. Nichts anderes hatte ich erwartet. Ich attestiere dir Schwachsinnigkeit.“
Setzen, 6.

Was passiert?

Meine eh schon geringe Leidenschaft für Mathematik verkümmerte damals wie eine hässliche Zimmerpflanze auf der Fensterbank der Wut. Oder der Angst. Je nach Tagesform. Heute leuchtet mir ein: Was passiert, wenn man nicht weiß, warum man etwas lernen muss?
Wenn es niemanden gibt, der einem erklärt, warum es doch ganz cool sein könnte, Dinge wie lineare Algebra zu beherrschen? Wenn niemand einen Raum schafft, in dem sich Freude, Liebe und Stolz zumindest ein bisschen umsehen könnten – und man dann einen Grund und einen Antrieb hätte, sich hinzusetzen, den Fleiß einzuladen, um auch das lernen zu wollen, was seinen Talenten nicht unbedingt entspricht?

Was passiert dann wohl?
Der Stolz legt sich in die Sonne und hält ein Nickerchen, die Lust geht besser mit der Liebe ein Eis essen, die Freude freut sich ohne einen, und das Selbstvertrauen nimmt den Fahrstuhl und drückt auf den Knopf fürs Kellergeschoss.

Der Unterschied.

Das Wundervolle an kleinen Kindern ist, dass sie Freude und Liebe, Wut und Angst – und Stolz – so pur empfinden und ausdrücken, dass es mir ganz warm in meinem eigenen Emotionshaus wird.
(Gut, vielleicht lasse ich den Trotz dabei mal Außen vor.)

Kleine Kinder wollen lernen.
Und sie lieben es, etwas gelernt zu haben, sie sind stolz wie Oskar, sie freuen sich wie ein Schneekönig, wenn sie etwas Neues wissen und können.

Der Unterschied ist: Wohl niemand stellt sich wie Herr Nosferatu vor das eigene Vorschulkind, hebt den Zeigefinger und verlangt, dass die Fünfjährige auf Anhieb eine Schleife binden muss. Oder die Uhr lesen muss. Oder die Farblehre beherrschen können muss. Wir grunzen auch nicht oder rollen mit den Augen.
Wir schaffen stattdessen liebevoll eine angstfreie Lernatmosphäre, einfach so, auch ohne Pädagogik studiert zu haben. Weil wir ja fühlen und aus (eigener) Erfahrung wissen, dass ein Kind (im Vorschulalter) mit Druck weder lernen kann, noch lernen will. Wir machen das spielerisch, mit Liedern oder mit Geschichten – mit Dingen, von denen wir wissen, dass unsere Kinder Freude dabei empfinden werden. Und wir letztlich auch, weil das mit der Freude ja eine gegenseitige Angelegenheit ist. Oder sein sollte.

„Also lautet der Beschluss, dass der Mensch was lernen muss.“ (W. Busch)

Klar ist, dass irgendwann der viel zitierte „Ernst des Lebens“ beginnt und dass Teenager es wohl ziemlich affig finden würden, mit infantilen Singspielen oder Ausmalbildern die Sache mit der Mitose zu lernen oder zu kapieren, wie das mit der Weimarer Republik war.

Ich bin keine Pädagogin, ich bin bloß eine Mama, aber mein Gefühl sagt mir, es steht und fällt viel damit, ob man (seine) Kinder versteht und sich auf ihre Augenhöhe begibt. Weil man sie sonst nicht genau dort abholen könnte, wo sie gerade stehen, und an ihnen vorbei und über sie hinweg sehen würde.

Vielleicht ist es die größte Aufgabe als Eltern und auch die all derjenigen, die unseren Kindern mit einem Bildungsauftrag begegnen, dass man ihnen etwas mitgeben kann. Dass man Dinge in die Rucksäcke unserer Kinder legt, die sie gern auf ihre Reise mitnehmen, die nützlich sind, die sie gebrauchen und gern verwenden werden, weil sie irgendwann ihren Weg allein bewältigen müssen.

Es wird daher vermutlich nicht schlecht sein, ihnen davon zu erzählen, wie man das Lernen in das Haus ihrer Gefühle einladen kann.

Los geht’s!

Mein kleines Leben wird nächstes Jahr eingeschult. Vielleicht haben sich die Zeiten etwas geändert und die Nosferatus der Lehrerschaft dieses Landes haben für diejenigen Platz gemacht, die unseren Kindern das beibringen möchten, was sie selbst lieben, was ihnen Freude bereitet und worauf sie stolz sind. Vielleicht, hoffentlich.

Und dann gibt es da noch mein Haus meiner Emotionen – und ich habe viel Zeit auf allen möglichen Stockwerken verbracht. Weil man sich Gedanken macht als Mutter (Vater/Eltern). Auch über das Lernen. Nicht, weil ich möchte, dass meine Tochter ein Einsteinkind wird, aber als ich mein kleines Leben betrachtete und all die Neugier gesehen habe, all den Wissensdurst, da dachte ich, dass die guten Gefühle unendlich mehr Platz für das Lernen, auch für (Selbst-)Disziplin und Fleiß, lassen, als es die anderen je könnten.

Geburt auf der Zwischenetage

Wilma Wochenwurm_Hallo liebe Wolke

Copyright: Hallo liebe Wolke/Susanne Bohne

Irgendwann wurde so der Wochenwurm Wilma geboren, zwischen dem Loft und der Wohnung mit den bunten Wänden.
Dort nämlich, wo das in mir wohnt, was ich liebe, was mir Freude macht, was mich Stolz fühlen lässt, wenn ich draufschaue.
Ein ziemlich magischer Ort ist das, das kann ich dir sagen, liebe Wolke.
Ich bin gern dort, um Geschichten für mein kleines Leben zu finden, die ihr vielleicht zeigen können, dass man das Lernen lieben lernen kann und mit Positivem verknüpft – statt mit Herrn Nosferatu.

Und wer weiß, vielleicht nimmt sie das Lerngeschichtenbuch ja in ein paar Jahren aus dem Regal und erinnert sich, dass Wilma Wochenwurm es war, die ihr vermittelt hat, wie das mit den Wochentagen funktioniert. Nicht nur, aber auch, weil Wilma auf der Zwischenetage meines Emotionshäuschens, zwischen Liebe und Freude und Stolz, entstanden ist.

Happy End?

Ja, ich glaube, es ist ein guter Weg, Kinder auch schon vor dem Schulalter wissen zu lassen, dass das Lernen ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens ist, für den man sich ein bisschen wappnen muss und der sich, im besten Fall, ein sehr schönes Stockwerk im Haus seiner eigenen Gefühle aussucht, wenn man die richtigen Grundsteine legt.

Gut ist, dass man Stolz und Liebe und Freude nicht erst lernen muss, meine Wolke.
Denn auch wenn es immer so aussieht, als würden Lernen und gute Noten das sein, was ausschließlich zählt, und auch wenn das Lernen wichtig und richtig und notwendig ist, wenn es Spaß machen kann, manchmal auch nicht, wenn es oft anstrengend und mit einem langen Weg verbunden ist: Es gibt schließlich noch das Haus seiner Gefühle. Und mit dem kann man noch so viel mehr anfangen als lineare Algebra. 

Einen lehrreichen Flug für dich, meine Wolke!


(Unbezahlte Werbung durch Namensnennung)

Mit meinem Text „Von der Geschichte, das Lernen lieben zu lernen. (Oder: Das Haus der Gefühle.)“ bewerbe ich mich für den scoyo ELTERN! Blog Award 2018

#scoyoelternblogaward // #scoyolernhelden2018


 

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