Kind

Mama? Erzähl mir mal eine Geschichte!

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Hallo liebe Wolke,
magst du Geschichten?
Neulich auf dem Balkon; mein kleines Leben lehnte sich über das Geländer und schaute ein wenig sehnsuchtsvoll auf die Rasenfläche hinter unserem Haus.
„Mama?! Wann kommt hier endlich mal ein Mann vorbei, den ich heiraten kann?
„Spatz, das dauert wohl noch ein kleines Bisschen… Was würdest du mit deinem Mann denn so machen?“
„Memory spielen!“
„Das hört sich doch ganz gut an!“
„Mama? Erzähl mir mal die Geschichte von meinem Mann!“

Geschichten und Märchen

Mein kleines Leben mag Geschichten. Sehr sogar. Ständig muss ich mir neue für sie ausdenken, die ich dann in den nächsten Tagen (oder Wochen) auf Dauerschleife wiederholen muss. Natürlich nur dann, wenn sie gut waren. Immer fällt mir nämlich auch nichts Buchpreisverdächtiges ein. Vor allem nicht morgens um 8 auf dem Weg zum Kindergarten, wenn mein Gehirn eigentlich noch schläft und meine Beine robotermäßig einen Schritt vor den anderen tun. Von ganz allein – was ich immer wieder recht erstaunlich finde.

„Mama! Die Geschichte von meinem Mann, bitte!“

Also fing ich an, die Geschichte vom Mann meiner Tochter zu erzählen, der erst wie Christoph aus „Frozen“ aussah, dann aber doch nicht gefiel und zu guter Letzt eine Mischung aus Opa und Andre (von der Sendung mit dem blauen Elefanten) und dem Erzieher aus der Seesterngruppe wurde. Von Beruf war er selbstverständlich Prinz. Weil mein kleines Leben ja demnächst auf die Universität geht, um Prinzessin zu studieren. Sagte sie mir jedenfalls. Einen Namen bekam der Mann meiner Tochter nicht. Er hieß einfach nur Prinz und er würde an unserem Balkon vorbeilaufen, mein kleines Leben wie Rapunzel retten und sie in sein Königreich mitnehmen, in dem sie niemals sterben würden und immer glücklich sind. Und natürlich Memory spielen.

Kummer

Manchmal denke ich mir, ich möchte meinem kleinen Leben gar nichts von dem wirklichen Leben erzählen. Manchmal möchte ich, dass sie einfach nur für immer klein bleibt und sich in ihrer Phantasie das Glücklichste ausmalen kann, was in ihrer kleinen Welt auf jeden Fall wahr wird und ist und bleibt. Mir bricht es jetzt schon das Herz, wenn ich an den Kummer denke, der das Leben für sie sehr wahrscheinlich bereit halten wird. Und ich hoffe, er, der Kummer, wird nicht allzu groß.

Geschichten für die Großen

Aber dann wiederum denke ich, dass das Leben auch für die „Großen“ voll ist von Geschichten. Man muss sie ab und zu nur ein bisschen besser suchen und dann finden – so wie Kinder das von ganz allein können. Ich glaube nämlich mittlerweile, dass die alten Geschichten neue bedingen.
Neulich habe ich jemanden wiedergetroffen und es wäre nie zu diesem kurzen Gespräch gekommen, wenn meine letzte Geschichte nicht zu ende erzählt gewesen wäre. Und selbst wenn diese klitzekleine Geschichte von neulich nur zwei Sätze in diesem Text hier einnehmen würde, so macht sie meinen gedanklichen Horizont für eine neue Geschichte, die übrigens nicht von einem Prinzen handelt und die ich mir nur in meinen Träumen bunt ausmale, ein bisschen weiter. Dafür bin ich demjenigen, den ich neulich traf, sehr dankbar.

„Und was passierte dann, Mama?“
Ja, was könnte denn im Königreich der memoryspielenden Verliebten und frisch Vermählten sonst noch passiert sein? Ich überlegte.

„Dann kann ich Autofahren, weil ich ja dann auch eine Mama bin“, sagte mein kleines Leben voller Überzeugung „und komme dich besuchen!“
„Das ist schön, mein Schatz!“, antwortete ich.
„Und dann kannst du mir die Geschichte erzählen als dich eine Biene in den Fuß gestochen hat und Opa dich nach Hause tragen musste.“
„Ja, das werde ich dann machen.“, seufzte ich ein bisschen wehmütig.
„Aber jetzt, Mama, jetzt warte ich noch ein bisschen bis der Mann hier vorbeikommt. OK?“, sagte mein kleines Leben und drehte sich wieder zur Rasenfläche um.

Geduld!

Mit manchen Geschichten muss man einfach ein bisschen Geduld haben, liebe Wolke, und bis sie in Erfüllung gehen, spielt man am besten eine Runde Memory.
Träum schön, meine Wolke!


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