Kind, Mamasein

Madita und der Regenbogen.

Madita und der Regenbogen

Hallo liebe Wolke,
was begeistert dich so richtig?
Obwohl ich den Herbst eigentlich mag, weil ich im Grunde meines Herzens eine Sofakartoffel bin, die bei dem stürmischen Regenwetter zumindest ein bisschen mit ihrer Couch schmusen darf und die somit nicht dem Druck des schönen Sonnenscheins erlegen ist, sich Outdooraktivitäten ausdenken zu müssen (aka „fünf Stunden auf dem Spielplatz rumhopsen“), so kann ich mich trotzdem nicht richtig für diese Jahreszeit begeistern. Eben wegen des stürmischen Regenwetters. Ach, ich weiß manchmal auch nicht, was ich will.

Regenbogen

Vorgestern hat meine Tochter zum ersten Mal in ihrem Leben einen Regenbogen gesehen. Einen echten. Am Himmel. Und es war wirklich ein toller Regenbogen. Er war sogar so toll, dass der Regenbogen seit zwei Tagen Gesprächsthema No 1 ist. Sowohl Zuhause, als auch im Kindergarten, beim Bäcker, an der Wursttheke – und Opa musste sowieso sofort telefonisch und mit leuchtenden Augen darüber informiert werden:
„Ich habe einen Regenbogen gesehen! Und er war so wundertoll! Oben rot und unten lila! Und alle Farben, die es gibt! Das ist der schönste Tag in meinem Leben!“

Abgestumpft

Nachmittags sprach mich die Erzieherin an, dass mein kleines Leben den ganzen Tag von fast nichts anderem gesprochen hatte, als von ihrem Regenbogen. Manche Kinder wären noch begeisterungsfähig, sagte sie, und dass das gut sei, einige wären in dem Alter ja schon so abgestumpft.
Abgestumpft? Mit fünf?
Mich machte das nachdenklich.

Wenn man nicht mit fünf Jahren noch die unglaublich große Begeisterung im Bauch spüren kann, wenn man etwas sieht, wenn man etwas macht, wenn man etwas fühlt oder riecht, das einem so wahnsinnig schön vorkommt, dass man ganz aufgeregt wird und es anfängt, überall zu kribbeln – wann denn dann?
Genau dafür ist die Kindheit doch da. Dafür ist sie erfunden worden.

Kurze Kindheit

Die Kindheit aber, die ist genauso schnell vorbei wie der Regenbogen, der langsam am Himmel verblasst. Irgendwann wacht man auf und hat die Fähigkeit verloren, den ganzen Tag unbeschwert durch die Gegend zu stromern und noch in der kleinsten Kleinigkeit etwas Wundertolles zu sehen.
Denn genau das kann man, wenn man ein Kind ist:
Man sieht das Schöne. Immer und zu jeder Zeit.
Man sieht nicht das blöde Herbstwetter, sondern wie die Blätter einem um die Ohren sausen und der Wind die Haut kitzelt, welches Geräusch der Regen auf der Kapuze macht. Man schaut sich jede Kastanie an und bemerkt, dass alle unterschiedlich aussehen – und dass trotzdem jede einzelne wunderschön ist. Genau so wie sie ist.

Und man ist eins: begeistert.

Förderwahn

Vielleicht macht es der allgegenwärtige Förderwahn, dass die enthusiastische Leidenschaftlichkeit irgendwo zwischen dem „OH! Mein Kind ist ein Genie!“ und/oder „OH JE! Mein Kind kann mit fünf noch nicht Zeitungslesen!“verkümmert und auf der Strecke bleibt. Oder es sind die Medien. Die Zeit. Die Gesellschaft. Oder was auch immer. Kinder dürfen manchmal keine Kinder mehr sein, weil es zu viel von dem Zuvielgibt. Und da gehen Regenbögen ab und zu unter.

Was aber stimmt, ist: Jedes Kind ist ein Einzelstück, ein Unikat, etwas Einzigartiges. Das ist das Geschenk, das man mit seinem Kind erhält. Man kann Kinder nicht verändern oder kopieren, wie schlimm wäre das?, sie sind so, wie sie sind. Wie die Kastanien, die alle anders und jede für sich wunderschön sind. Und das ist verdammt gut so. Der eine, so wie mein kleines Leben, kann sich tagelang an einem Regenbogen erfreuen. Der andere begeistert sich für etwas anderes. Hoffentlich zumindest. Denn die Freude, die direkt aus dem Herzen kommt, die so pur ist, dass man sie fast anfassen kann; genau diese Freude, die macht das Kindsein und die Kindheit aus. Zumindest in meiner Vorstellung. Und manchmal kann ich mich noch an sie erinnern: an die kindlichen Begeisterungsstürme, die einen dorthin bringen, wo man für den Rest seines Lebens bleiben möchte.

Kinder machen das gut!

Meine Tochter bewundere ich für ihre Begeisterungsfähigkeit, für ihre Gabe, die leider nicht das ganze Leben bei ihr bleiben wird:
Ich bewundere sie für ihre Gabe, ein Kind zu sein. Und es sein zu dürfen.
Manchmal, liebe Wolke, ist man einfach mit zu viel Übereifer unterwegs im Leben, dabei hilft es doch, sich mal ein bisschen zu bremsen. Wenn ich mir meine Madita so anschaue, dann denke ich mir oft, sie bringt doch alles mit, so viel Eigenes, sollte ich wirklich ständig so viel mehr tun als sie nur zu begleiten, nur ein bisschen die Weichen zu stellen und sie nur mit Liebe stark zu machen?

Manchmal begeistert selbst mich noch ein Regenbogen, den mir mein kleines Leben auf ihre Weise gezeigt hat. So nämlich, dass ich ihn mit den Augen eines Kindes betrachten durfte. Und dann weiß ich plötzlich wieder, was ich will. Selbst bei stürmischem Regenwetter.

Alles Liebe, meine Wolke!


 

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