Mamasein

Liebes Christkind! (Oder: Übers Ankommen.)

Ankommen

Hallo liebe Wolke,
kann ich dich mal was fragen?
Glaubst du an Zufälle?
Ich habe heute früh einen Text von mir gefunden, den ich am 16. Oktober 2011 schrieb und ich weiß noch genau wie ich damals auf meinem Balkon saß und vom Ankommen träumte. Ja, ich wünschte es mir mit jedem Fitzelchen meines Lebens – bis in die letzten Haarspitzen: Ankommen, nicht mehr auf irgendetwas, irgendjemanden warten. Dabei war das ein etwas blöder Wunsch, denn wenn man nur die Hände in den Schoß legt und wie ein fauler Yogi auf die Lebenserleuchtung wartet, ohne dafür etwas zu tun, dann wird man wohl für alle Ewigkeiten im Schneidersitz auf seinem einsamen Berg sitzen. Damals, im Oktober 2011, schrieb ich:

Liebes Christkind!

Das schrieb meine Mutter für mich vor vielen, vielen Jahren an einem Oktobertag auf meinen Wunschzettel.
»Liebes Christkind!
Ich habe dieses Jahr ganz viele Wünsche und deswegen schicke ich dir meinen Wunschzettel jetzt schon…«

Ja, das war damals so. Mit drei oder vier Jahren hat man so viele Wünsche, dass man sie gar nicht zählen kann: eine neue Barbie und einen Krämerladen und ein Krokodil für den Kasperl und ein Janoschbuch und einen Schminkkopf und die Frisur von Agneta (ABBA) und ein Geschwisterchen und Murmeln und Seifenblasen und Knete.
Ich wollte in diesem besagten Jahr also sichergehen, dass das Christkind auch genügend Zeit hatte, um meine ganzen Wünsche bis zum Heiligen Abend erfüllen zu können. Denn mir kamen die Dinge auf meiner Wunschliste so viel vor, dass man zur Besorgung ganz bestimmt eine richtig lange Zeit brauchen würde. Und die wollte ich dem Christkindchen unbedingt geben!

Zeit.

Seit diesem Weihnachten sind Jahrzehnte vorbeigezogen, Zeit ging und kommt; irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass meine Eltern recht haben und die Zeit immer schneller vergeht. Ein Wahnsinn. Der Oktober bereits auf dem Kalender, dabei hab ich Ostern noch gar nicht verdaut. Den ersten Frost gab es auch schon und ich fürchte, gefühlt übermorgen schreiben wir bereits 2012!
Die meisten meiner Schulkameraden sind verheiratet und/oder haben Kinder und/oder stecken gerade in einer supersteilen Erfolgskarriere und/oder sind ausgewandert. Habe ich auf Facebook  & Co gelesen.
Mh.
Ich nicht.
Ich sitze irgendwie immer noch vor meinem Wunschzettel, der mal kürzer und dann auch wieder länger wird. Da gibt es z.B. total utopische Wünsche: Bestsellerautorin am weißen Schreibtisch mit Blick aufs Meer, am Strand bauen mein emphatischer, attraktiver, liebevoller, (etc., etc.) Ehemann mit unseren ein bis zwei niedlichsten Kindern eine Sandburg.

Realität:

Kein Bestseller, kein Haus am Meer, kein Ehemann und keine Kinder in Aussicht.
Aber! Und da kommt das große Aber!, es stehen doch Wünsche auf meiner Schriftrolle (!), die durchaus zu erfüllen sind. Vielleicht gibt’s statt Knete einen Malblock, statt des Krokodils die Großmutter. Und statt der Agnetafrisur die von Anni-Frid.
Doch egal welche Wünsche von meiner Liste, und in welcher Form auch immer, erfüllt werden – sie werden es. Und darauf kommt es doch unterm Strich an.
Danke, liebes Christkind!“

Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, dass mir dieser Text heute früh in die Hände fiel und ich mich noch genau an das Gefühl erinnern kann, das ich im Oktober 2011 hatte.

Keine Frisur

Einen Wunschzettel habe ich immer noch. Und ja, es ist nicht die Frisur von Agneta geworden, allerdings auch nicht die von Anni-Frid. Einige meiner Wünsche von 2011 stehen dort noch, wo ich sie vor Jahren aufgeschrieben habe, wo ich sie konserviert habe und in meinem kleinen Seelchen mit mir herumtrage – und gut auf sie aufpasse. Denn auf manche Wünsche muss man etwas besser aufpassen, damit sie nicht auf der Lebensreise verloren gehen.

Man muss aber auch ein bisschen was für seine Wünsche tun, sie ein wenig gießen und hegen, die verwelkten Stellen abknipsen und sie hin und wieder anschauen, ob es denn überhaupt noch Wünsche sind, die man sich wirklich wünscht. Glaube ich.

Ankommen

Jedenfalls, meine liebe Wolke, eines ist sicher: Mein großer Wunsch von einem kleinen Leben, der ist wirklich wahr geworden. Vielleicht war es ein großer, unbewusster Wunsch, den ich damals in mir trug, das kann sein, und manchmal muss man auch aufpassen, was man sich wünscht. Aber in dem Fall kann ich etwas sagen, mit Bestimmtheit. Ich bin angekommen.

Mein kleines Leben erfüllt mein Herz wie es wahrscheinlich kein anderer Wunsch tun würde, den ich mir herbeiträume. Vielleicht ist es eine flauschig-romantische Vorstellung, die ich mir trotz aller Hürden unseres Lebens an die eigene Haustür gepinnt habe, das mag gut möglich sein. Aber auch, wenn man immer auch noch sein eigener Mensch bleiben wird, mit eigenen Träumen und einem eigenen Wunschzettel, wenn sein Kind nicht der einzige Lebensinhalt ist, so ist es doch das, was dem ganzen Wünschen einen Sinn gibt. Und mein kleines Leben macht, dass der faule Yogi nicht mehr die Hände in den Schoß legt, um alle Wünsche in den Himmel fliegen zu lassen und nichts weiter dafür zu tun als abzuwarten.

Ja, meine Wolke, manche Wünsche, die wahr werden, einfach so, die bedingen, dass man sich um den Rest einfach selbst kümmert und nicht auf das Christkind wartet, um reich beschenkt zu werden. So läuft das im Leben nämlich eher selten. Und später werde ich mich auf meinen Balkon setzen und mal drüber nachdenken, was ich mir dieses Jahr wünschen könnte. Auch, wenn es erst Juni ist. Aber mit dem Wünschen kann man einfach nie früh genug anfangen.

Hab einen schönen Tag, meine Wolke!


 

Magst du den Beitrag teilen?