Kind, Mamasein

Größenwahn

Hallo liebe Wolke,
gibt’s was Neues?
Ach, was ist das Leben doch schön, wenn man merkt, dass es aufwärts geht. Mit der Gesundheit. Und mit den Temperaturen vielleicht auch. Irgendwann. Wobei ich ansonsten bei mir keinen echten Aufwärtstrend erkennen kann, wenn ich die Sache mal genauer betrachte. Was allerdings für allgemeine Heiterkeit sorgt, ist der Größenwahn meiner Tochter.

Zuckerkringel und Stinkstiefel

„Mama? Weißt du, wer die Welt gemacht hat?“
„Hmmm… Sag! Wer?“
„Ich. (gnihihihi)“

Es muss wunderbar sein, wenn man so richtig fest an sich glaubt. Die Launen meines kleinen Lebens schwanken zwar stündlich zwischen Zuckerkringel und Stinkstiefel, aber eines ist sie sich sehr sicher: sich selbst. Und das ist einerseits ziemlich gut so, andererseits hört man ja ständig von diesen Narzissten, die man sich, in Ermangelung erzieherischer Fähigkeiten, heranzüchtet. Gott, was machen mir all diese Artikel Angst. Und Bange.

Allerdings denke ich mir, dass ein etwas narzisstisch angehauchtes kleines Leben mit großem Selbstbewusstsein besser über die Runden kommen wird, als so ein alter Zweifelvogel wie ich, der sich ständig wegen irgendetwas sorgt.

Sorgenschuh drückt.

Wenn man die Verantwortung für ein Kind trägt, da kann der Schuh schon schnell mal drücken. Zumindest meiner tut es hin und wieder und dann schwanke ich zwischen Überbehütung und „jetzt reg dich mal ab, Susanne“. Aber irgendwie ist es ja nun mal so, dass man bei all diesen Dingen nicht mal eben Strg+Z drücken kann, mit Copy und Paste kommt man auch nicht weit. Manchmal fühle ich mich wie ein Herzchirurg, der da ein kleines Leben vor sich sitzen/liegen/stehen hat und mit ruhiger Hand Entscheidungen treffen muss. Und am besten immer die Nerven behält.

Und dabei kann ich mich ja nur auf eins verlassen: auf mein Gefühl. Und wenn ich denke, es ist okay, wenn meine Tochter gerade ein bisschen größenwahnsinnig ist, dann ist das eben auch okay. Solange es nicht Überhand nimmt. Vielleicht kann ich mir von so viel kindlichem Selbstvertrauen einfach mal eine Scheibe abschneiden.

Grüner Zweig.

In letzter Zeit habe ich nämlich das Gefühl, dass es keinen grünen Zweig (Zweiglein) mehr für mich gibt, der da irgendwo an einem weißblühenden Kirschbaum wächst und nur auf mich wartet. Seit Jahren strample ich mir einen ab – mit der Kunst, mit meinem Liebesleben, mit meinen Finanzen, mit mir im Allgemeinen – und das Ergebnis ist immer plus, minus, gleich Null. Frustriert schiele ich manchmal durch meine grauen Haare in den Spiegel und frage mich, was das überhaupt soll. Das Abstrampeln meine ich. Und wieso ich nicht einfach Brötchen verkaufen gehe, mich damit abfinde, dass ich in Würde als alte Jungfer sterben werde, bis dahin anfange, Lotto zu spielen und Makrameewandbehänge anfertige statt weiterhin an das zu glauben, was ich meine Träume nenne.

Soft skills

Was meine „soft skills“ im Bereich „Mama sein“ angeht, da wächst allerdings mein Punkte- und Fähigkeitenkonto, das ist ja auch schon mal was. Aber ob das reicht für ein glückliches, befriedigendes und erfülltes Leben?

Wenn man sich mal so umliest, dann könnte das durchaus reichen, weil man ja ganz glücksbeseelt ist, als Mama. Bin ich auch. Aber eben nicht immer. Und diese Projekte wie „Brotbacken“ und „Osterdekobasteln“, die gehen bei mir grundsätzlich in die Hose – was übrigens keine selbsterfüllende Prophezeiung, sondern einfach die reine Wahrheit ist. Die machen mich also auch nicht unbedingt heiter. Vielleicht leide aber auch ich unter so etwas wie Größenwahn, wenn ich mir vorstelle, dass das doch nicht alles gewesen sein kann. Ich muss ja nicht unbedingt damit prahlen, die Welt erschaffen zu haben, aber vielleicht die Eintagsfliegen. Oder Pantoffeltierchen.

Ein ganzes Jahr

Übermorgen jährt sich da diese unsägliche Geschichte, die mir seit einem Jahr einen grauen Pelz hat wachsen lassen, wie bei so einem doofen Camembert. Es kommt mir vor, als hätte ich gerade eben erst die Tür zugeschlagen, den Zweitschlüssel in die Schublade gedonnert und hätte mir erst gerade eben die Tränen getrocknet, die bitter gewesen sind. Bums, ist ein Jahr vorbei. Die ganzen Jahreszeiten sind an mir vorbeigeflogen und ich hab’s gar nicht so richtig mitbekommen. Vielleicht, weil es da diese Frage gibt, die sich Größenwahnsinnige wohl eher selten stellen:

Was ist an mir eigentlich nicht richtig?

Total weise.

Was stimmt mit mir nicht?
Schreckliche Frage. Die sollte man sich nicht stellen, außer man möchte, dass Frau Depression sturm klingelt und sich häuslich bei einem niederlässt. Aber irgendwann, so nach vierzig (schluchz) Jahren, da hat man begriffen, dass die Dinge oft einfach nicht so laufen, wie man sich das vorgestellt hat. Sehr weise Erkenntnis, Susanne.

Und weil es einfach Scheiße ist, sich solche Fragen zu stellen, weil das Leben einen manchmal in eine Ecke gedrängt hat (und man sich hat drängen lassen, schön blöd!), lasse ich meinem kleinen Leben gern ein bisschen Größenwahn.

Das Gute

Das Gute ist ja, wenn man so ein alter, weiser Zweifelvogel mit grauem Camembertpelz geworden ist, dass man nicht mehr so ganz grün hinter den Ohren ist (wie es der Zweig gern werden darf) – und das kommt ja nicht nur einem selbst zugute, sondern auch seinem kleinen Leben. Da brauche ich keine Listen mit den „10 besten Erziehungstipps zu was auch immer“, da brauche ich einfach nur mich und mein Wissen über die Welt. Und ja, ganz recht, es ist mein Wissen – und damit ist es nicht allgemeingültig. Vielleicht liege ich ja auch ganz verkehrt, aber das wird sich vermutlich irgendwann herausstellen.

Nur eins, meine liebe Wolke, möchte ich meinem kleinen Leben ersparen: Die Frage, ob etwas nicht mit ihr stimmt. Ich bin sicher, das bekommen wir hin. Und solange darf sie gern grinsend behaupten, sie habe die Welt gemacht. Sie weiß ja, dass es nicht so ist. Aber Träume darf man schließlich haben. Auch ohne grünen Zweig. Oder aufsteigenden Ast.
Und ich behalte meine. Immer noch.
Basta. (Amen. Punkt.)

Guten Flug, meine Wolke!

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