Es kotzt mich an.

Hallo liebe Wolke, 
über was regst du dich auf?
Es gibt wirklich sagenhaft viele Dinge, über die ich mich aufregen könnte. Und es auch mache. Das Aufregen. Ich werde zum Beispiel wirklich ungehalten, wenn mir der Müllbeutel reißt, den ich aus dem Eimer ziehe und sich dann der ganze Kladderadatsch auf den Küchenboden entleert. 
Aufregen könnte ich mich auch über Menschen, die an der Supermarktkasse hinter mir stehen und die mir erst mit dem Einkaufswagen in die Hacken fahren und mir dann noch ihre Grippeviren in den Nacken husten. 
Ach, es gibt tausendmillionen Dinge, die mich aufregen. Obwohl das Aufregen ja ziemlich ungesund ist. Habe ich gehört.

Was mich aber wirklich ankotzt

Letztens hörte ich eine Diskussion im Radio zum Thema „Elternzeit“. Das ist ein viel diskutiertes Thema, das ist außerdem ein wichtiges Thema. Und da rief ein Vater beim Radio an und der erzählte, dass er sich vor ein paar Jahren gewünscht hätte, er hätte die Möglichkeit gehabt, in Elternzeit zu gehen. Um seine, mittlerweile erwachsene Tochter, ein bisschen intensiver aufwachsen zu sehen. Das fand ich schön. 

Daraufhin schob er noch nach, dass er aber erst später die Intensiv-Tochter-Zeit hätte nehmen wollen. Erst dann, als seine Tochter schon etwas größer gewesen war, damit man als Vater auch was davon hat. 

Ich habe das schon oft gehört. Dieses „Wenn die Kinder klein sind, können Väter ja nichts mit ihnen anfangen.“ Da könnte ich ausflippen. Ehrlich.

Okay, Papas können nicht stillen – das ist aber auch das einzige Argument, das mir momentan einfällt, was Väter nunmal nicht können. Das ist ein Naturgesetz
Ein Baby aber herumtragen, in den Schlaf wiegen, es beruhigen, wickeln, lieb haben, sanft über den Kopf streicheln, den besten Duft der Welt einatmen (usw.) das können sie doch schon. Oder etwa nicht? Ich kenne mich nicht aus, denn ich hab das alles allein gemacht. 

Aber vorstellen, dass man auch als Papa etwas mit einem Neugeborenen oder Baby oder mit einem kleinen Kleinkind anfangen kann – das kann ich schon.

Ab wann können denn diese Sorte von Vätern etwas mit ihren Kindern anfangen? 

Wenn die Kinder nicht mehr in die Hose machen, durchschlafen und sich die Zähne selbst putzen können?
Ab der Einschulung?
Wenn Kinder über das tagesaktuelle Weltgeschehen diskutieren können? 

Ganz ehrlich, ich verstehe das nicht.
Einerseits wollen wir alle gleichberechtigt sein. Männer wie Frauen. Andererseits geistern so viele verstaubte Ansichten durch die Gegend, dass es mir ganz schwindelig wird.

Ich gebe zu, dass ich, die ja auch eher zufällig und ungeplant zu meiner Tochter gekommen ist, anfangs genau Null Ahnung hatte, wie das Leben mit einem Baby ist. Ich hatte Null Ahnung, wie das Leben mit einem trotzenden Kleinkind oder mit einem manchmal starrsinnigen Schulkind ist. Häufig endeten (und enden) meine langen Tage in todesähnlichen Erschöpfungszuständen. Oft weine ich abends im Bett darüber, was ich alles falsch mache. Als Mutter. Aber häufiger als die Erschöpfung und die Tränen, kommt die Liebe unter meine Bettdecke geschlüpft und ich weiß haargenau, was man von seinem Kind hat. Was man mit seinem Kind anfangen kann.

Und das weiß man auch, wenn man ansonsten Null Ahnung hat.

Weil: Die Liebe zu seinem Kind, die kommt ganz schnell – auch wenn man es nicht 9 Monate lang unter dem Herzen getragen hat. Wenn man es, wegen der Naturgesetze, nicht stillen kann. Deswegen: Diese Sichtweise, dass manche (! nicht alle !) Männer nichts mit kleinen Kindern anfangen können, kotzt mich wirklich an. Geht es denn wirklich immer nur um den eigenen Vorteil?

Was kann denn das Kind mit solchen Menschen anfangen? 

Geht es denn nicht darum, dass man geliebt wird? Gehalten wird? Geborgen sein darf? Als Kind? 
Und da ist es doch nun wirklich scheißegal, ob man was „anfangen“ kann. Mit so einem kleinen Bündel wunderbaren Lebens. 

Bei der nächsten Diskussion im Radio zum Thema „Elternzeit“ schalte ich einfach ab, liebe Wolke. Denn das Aufregen, das weißt du ja sicher, das ist nicht gut. Sondern ziemlich blöd. Und heute kaufe ich neue Mülltüten. Die, die nicht so schnell reißen.

Bis bald, meine Wolke!

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